GALERIE FOTOGRAFEN AUSSTELLUNGENAKTUELLES KONTAKT IMPRESSUM
JOCHEN STENGER » MOMENTI ITALIANI
Momenti Italiani - Chianti



Ich verlasse die Autobahn bei Siena und erreiche "Ponte al Bozzone". In der einzigen kleinen Bar versucht der Barkeeper mir bei Espresso und Grappa verzweifelt den Weg nach "Santa Margeherita" zu erklären. Die beschriebene Asphaltstrasse wird unverhofft zur Schotterstrasse und schließlich zum engen Feldweg. Der Wald links, die riesigen Weinberge rechts und plötzlich das gesuchte Haus – eingebettet in das Tal, einsam und schön. Totenstille.

Am nächsten Morgen werde ich von dem Zirpen der Grillen und dem monotonen Traktorengeräusch der Weinbauer geweckt. Die Sonne sticht schon unbarmherzig und das Thermometer nähert sich unweigerlich der 30 Grad Marke. Plötzlich verstummen die Motoren, nur noch die Grillen sind hörbar und ein sanfter Wind ist wohltuend hör- und spürbar. Mittagszeit in Chianti.

Schlagartig wird die Stille am Spätnachmittag von aufkommendem Wind unterbrochen. Der Himmel verfärbt sich in sekundenschnelle von blau zu grau und die Weinberge erscheinen im silbernen Glanz – ein Gewitter zieht auf!

Ich unterbreche meinen Spaziergang und erlebe hoch oben auf dem Weingut ein Naturschauspiel: Blitze lassen die Weinberge gespenstisch glänzen, und die Heftigkeit eines einsetzenden Regens verändert die Landschaft.

Die Schotterstrasse staubt am Tag danach trotz des ausgiebigen Regens schon am Vormittag, und die Sonne brennt wieder unerbittlich. Ich erreiche Pianella, fahre an bizarren Baumalleen vorbei und befinde mich im Inneren der Region. Die "strada secondarie" wird steiniger, die Schlaglöcher tiefer. Vorbei an alten, scheinbar unbewohnten Villen und kleinen Anwesen erblicke ich plötzlich das Weingut "San Felice".
Riesige, blumenbehangene Terrakottatöpfe stehen hier auf weißen Kieselsteinen, umgeben von Bäumen in einer Parklandschaft, die von Menschenhänden zu einem kleinen Kunstwerk gestaltet wurde.
Beeindruckt davon trinke ich ein Glas "San Felice" in einer kleinen Bar in Poggio Rosso und lasse die Eindrücke noch einmal Revue passieren. Der Barkeeper ist sehr gesprächig und gleichzeitig Lebensmittelhändler. Außer mir bezahlt niemand, es sei denn, der Anschreibeblock übersteigt eine gewisse Summe.
Minuten später hat der Staub der "strade secondarie" meinem Wagen eine neue Farbe gegeben, als ich plötzlich bei Lucignano die alte Villa entdecke und unverzüglich stehen bleibe.
Keine Menschenseele, nur das monotone Klappern der Holzgartentüre unterbricht die mittägliche Ruhe. Die Sonne treibt ihre Schattenspiele mit den unsagbaren Figuren und exotisch wirkenden Pflanzen und ich beginne unweigerlich diese Traumlandschaft zu fotografieren.

Gegen Spätnachmittag erreiche ich wieder eine "strada importante", die sich aber vom Zustand nur unwesentlich von der vorigen unterscheidet. Auf einer Anhöhe erblicke ich am Horizont die Silhouette der Domkuppel von Siena - die langsam, senkende Abendsonne lässt sie wie eine Fata Morgana erscheinen.
Momente später wird mir klar, dass ich diese wundersame Landschaft bald wieder verlassen werde. Ein untröstlicher Gedanke, der auch nicht verschwindet, als mich der Barkeeper in der Bar in Ponte al Bozzone zu einem Grappa einlädt.



» LAGO DI COMO » TOSKANA » VENEDIG » PISA LUCCA » LAGO MAGGIORE » LAGO DI GARDA » FLORENZ » CHIANTI